Arbeiten am Puls der Zeit

 

Dorothee Gerlach traf Rebecca Hohmann, Leiterin des Moks, zum Gespräch.

Herzlichen Glückwunsch: Gleich fünf Moks-Produktionen sind aktuell zu Festivals eingeladen.

Ja, das stimmt und freut uns natürlich sehr. Das macht unsere Arbeit noch einmal einem breiteren Publikum bekannt und gibt die Möglichkeit des künstlerischen und fachlichen Austauschs mit anderen Theatermachern. Schön ist auch, dass Produktionen mit ganz unterschiedlichen ästhetischen Handschriften ausgewählt wurden.

Welche Stücke sind das?

Das Tanzduett „Eins zu Eins“ von Birgit Freitag ist nach Berlin zum „Augenblick mal! 2017“-Festival eingeladen worden. Das ist eigentlich das wichtigste Theaterfestival für

junges Publikum und für uns bereits die vierte Einladung in Folge zu diesem international renommierten Festival, das ist schon sensationell. „Eins zu Eins“ wird im März aber auch im Rahmen von „TANZ Bremen“ nochmal gespielt.

Und „Anders sein“, die neue Produktion der Choreografin Salome Schneebeli wird am Sonntag,19. März während des Festivals „TANZ Bremen“ Premiere haben.

Die Inszenierung „Out of control“ für Jugendliche ab 13 Jahren von „kainkollektiv“ überschreitet sogar die Landesgrenzen und wird im Rahmen des „augenauf!“-Festivals in Winterthur am Sonntag, 14. und Montag, 15. Mai gezeigt. Dann gibt es noch zwei Anfragen für die Ruhrfestspiele Recklinghausen, nämlich „Die Sprache des Wassers“, eine Inszenierung der Regisseurin Theresa Welge, und Nathalie Forstmans Arbeit „Patricks Trick“. Allerdings können wir diesen Anfragen aus Termingründen leider nicht folgen. Die Einladungen zu den Festivals sind natürlich eine wichtige Bestätigung unserer Arbeit. Es zeigt, dass wir mit unseren Produktionen sowohl künstlerisch/ästhetisch, als auch  inhaltlich ganz nah am Puls der Zeit sind.

Worum geht es in diesen Arbeiten?

In „Eins zu Eins“, einer Produktion aus der letzten Spielzeit, begegnen sich ein 32-jähriger Schauspieler und ein elf-jähriger Junger Akteur und somit ganz verschiedene Männlichkeitsbegriffe, Erfahrungshorizonte und Entwicklungsstufen, aber auch ein durch Alltag, Umfeld und Persönlichkeit unterschiedlich konditioniertes Bewegungsvokabular. Eine spannende Erkundung von Gemeinsamkeiten und Gegensätzen. „Anders sein“ fragt danach, wie es ist, wenn jemand neu in eine Gruppe kommt. Was passiert mit der Gruppenstruktur, welche Impulse kann ein Neuzugang geben, sich auch selbst zu verändern?

„Die Sprache des Wassers“ erzählt die Geschichte eines Mädchens, das versucht, sich in  einem fremden Land zurecht zu finden, darüber hinaus aber auch mit den alterstypischen Problemen einer Jugendlichen umgehen muss. In „Patricks Trick“ schließlich geht es um einen elfjährigen Jungen, der einen körperlich beeinträchtigen Bruder bekommt. Wir fragen uns, was in diesem Kind vorgeht, welche Ängste und Sorgen sich mit dem Geschwisterkind verbinden.

Die aktuellen Produktionen verhandeln alle Phänomene des Besonderen, des Anderen, des Fremden und den Umgang damit. Kannst Du in diesem Zusammenhang etwas zum übergeordneten Spielzeitthema „All you beautiful strangers“ sagen?

Wir wollen dazu anregen, sich mit den verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen, Ansichten und Verhaltensweisen anderer Menschen auseinanderzusetzen, den Gedanken der Empathie stärken. Uns geht es um Toleranz und Inklusion im allgemeinen Sinn, also um die Einbeziehung von Individuen in die Gemeinschaft. Theater ermöglicht, an der Gefühlswelt anderer teilhaben zu können. Da fühlen sich die angesprochen, die Ähnliches erlebt haben oder gerade erleben, und sehen, dass sie nicht allein stehen mit ihren Problemen. Aber auch jene, die normalerweise keinen Kontakt zu solchen Geschichten haben, kommen so zumindest gedanklich damit in Berührung. Dabei sagen wir nicht, dass man alles andere toll finden soll, aber, dass man dem Unbekannten mit Toleranz begegnen sollte.

Das Motto zielt aber auch darauf ab, dass bei uns jeder willkommen ist. Wir haben ein ganz breit aufgestelltes Publikum: Über die Schulen besuchen uns Kinder und Jugendliche aus allen Bevölkerungsschichten, aber auch viele Vorklassen, in denen Flüchtlingskinder Deutsch lernen, bevor sie dann eine Regelklasse besuchen können. Diese Heterogenität des Publikums ist das Besondere an einer jungen Sparte.

Durch Eure theaterpädagogische Arbeit schließen sich ja auch immer wieder Kreise in puncto Inklusion.

Genau. Zum Beispiel bei der Arbeit mit den Premierenklassen, also jenen Klassen, die Einblicke in die Probenprozesse erhalten und dann die Premiere einer Produktion besuchen.

Im Fall von „Anders sein“ ist dies eine Vorklasse mit Flüchtlingskindern.

Die Probennachgespräche finden auf Deutsch, Englisch und Französisch statt. Glücklicherweise kann unser Ensemble das leisten. Wir sehen unsere Aufgabe aber auch darin, Menschen ganz praktisch in den theatralen Prozessen zusammenzubringen.

Das geschieht bei Junge Akteure, wo Kinder und Jugendliche selber Produktionen erarbeiten. Gerade haben beispielsweise die Proben zu „Still out there“, einer Überschreibung der „Bremer Stadtmusikanten“, begonnen. Hier treffen junge Menschen unterschiedlichster Herkunft, mit und ohne Migrations- oder Fluchthintergrund, im Alter von zehn bis 21 Jahren aufeinander und schließen sich zu einer großen Musikkapelle zusammen, die sich auf die Spuren der Grimmschen Truppe begibt.

Das Moks hat seit Beginn der Spielzeit ein neues Foyer. Wie wird der Raum angenommen?

Sehr gut! Mit der „Nachspielzeit“ etabliert sich beispielsweise gerade ein sehr schöner Austausch, bei dem die Besucher nach den Familienvorstellungen im Foyer das Gesehene auf verschiedene Weise nochmal reflektieren und durch Basteln, Malen, Diskutieren nacharbeiten zu können. Und das Foyerplädoyer, ein Format, das sich gerade noch entwickelt, gibt dem Publikum, aber auch den Darstellern und Mitarbeitern des Moks, an vorstellungsfreien Abenden den Raum, sich im Foyer inhaltlich und ästhetisch auszuprobieren. So soll das Foyer im besten Wortsinn ein Brennpunkt werden, an dem junge Menschen aufeinandertreffen und sich austauschen können.

Eingeladen nach Berlin zum „Augenblick mal! 2017“-Festival: „Eins zu Eins“ von Birgit Freitag mit Mika Nowotny und Walter Schmuck. (Foto: Léa Dietrich)

Nachdruck aus der Theaterzeitung 2/2017 – Mit freundlicher Genehmigung von Theater Bremen.

Verlorene Jugend

2017-01-12-21_05_09-junge-akteure-premiere_-verlorene-jugend-rainer-glaapgmail-com-gmailDie Jungen Akteure laden herzlich ein zur Premiere oder einer Vorstellung ihrer neusten Produktion VERLORENE JUGEND von Christiane Renziehausen und Sabrina Bohl.

Inspiriert durch Film- und Literaturstoffe wie den Roman Die Selbstmordschwestern von Jeffrey Eugenides oder den Film Dogtooth geht „Verlorene Jugend“ einer experimentellen Anordnung nach: Wie verhalten sich junge Mädchen mitten in der Zeit des Entdeckens, der Neugier, der Sehnsucht, wenn sie von der Außenwelt abgeschirmt leben müssen? Ist Jugend fixier- oder konservierbar? Die fiktive Geschichte geht von sechs jugendlichen Schwestern aus, die von der Außenwelt einst isoliert lebten. Eines der Mädchen lässt die Erinnerung an diese sehr besondere Zeit nun Jahre später Revue passieren.

Konzipiert ist das Stück als eine museale Installation, die in allen Räumlichkeiten des Brauhauskellers stattfindet und durch die sich die Zuschauer hindurchbewegen.

 Premiere am 20. Januar, 19 Uhr im Brauhauskeller, weitere Vorstellungen am 22./25./26. Januar und 1./3./4./5. Februar

 Text und Regie: Christiane Renziehausen Text und Dramaturgie: Sabrina Bohl Bühne: Marthe Labes Kostüme: Sofia Korcinskaja Musik: Jan Grosfeld, Nikolas Jacobs Regieassistenz: Valeska Fuchs Es spielen: Dana Herfurth, Maja Herms, Fanny Lya Hilken, Theresa Kleiner, Jorid Lukaczik, Karlotta Rolappe