Die Rollen des Lebens spielen

Zum Bundestreff der Jugendclubs an deutschen Theatern waren hochkarätige Produktionen in Bremen zu sehen. Der Gastgeber feierte nebenher noch Geburtstag

Schwächen? Darf’s nicht geben. Höchstens solche, die deinen unbedingten Leistungswillen demonstrieren: Ungeduld ist ja auch eine Tugend. Die anderen, die musst du überspielen, da musst du die Zähne zusammenbeißen, immer, das Theater des Lebens entlässt dich nie. In Bremen hat allein die Barmer Ersatzkasse vergangenes Jahr 2.000 sogenannter Aufbiss-Schienen erstattet, die das nächtliche Zähneknirschen bremsen: Am 7. Oktober gastiert die Performance „Beißen“ im Brauhauskeller, Und diese Produktion des Grazer Theaters am Ortweinplatz ist schon ein wenig das Stück der Stunde.

Rahmen des Gastspiels ist dabei das Bundestreffen der Jugendclubs an deutschen Theatern, das nach 2003 zum zweiten Mal, sozusagen als ein Geburtstagsgeschenk zum 40-jährigen Bestehen des Moks, kommende Woche in Bremen stattfindet. „Es geht dabei um Trainieren, so lange man nur kann“, erklärt Regisseur Simon Windisch die Idee der Performance „Beißen“. „Immer eins mehr und eins mehr – und um diese Einstellung, immer alles erreichen zu wollen, nicht loslassen zu können – durchzubeißen.“ Das ist ein starkes Motiv.

Und ähnlich aber doch ganz anders hat sich ja auch Thomas Büngers Tanztheaterprojekt „Turnen“ mit den Bremer Jungen Akteuren, die das Bundestreffen am Dienstag eröffnen wird, der zwanghaften Lust und dem lustvollen Zwang gewidmet, die eigenen Grenzen auszureizen: Was Leistungsgesellschaft heißt, was sie aus Menschen macht, sie formt und verformt, was sie ihnen ermöglicht – und ob es einen denkbaren Widerstand gegen sie gibt, diesen Fragen, begegnet man in den sieben Produktionen, die auf dem Festival zu sehen sind.

Das macht Theater von Jugendlichen so politisch bedeutsam – und künstlerisch aufregend für alle, die Kunst nicht mit handwerklicher Vollendung verwechseln. Denn in ihm bewahrt sich die darstellende Kunst oft einen sehr entschiedenen Zug zur Gegenwart, weshalb zum Programm auch intensive Nachgespräche und zu jeder Aufführung Diskussionsrunden gehören. Hier wird sie als Ausdrucksmedium ernst genommen, Ausdruck der AkteurInnen, die eben nicht nur, ja nicht einmal in erster Linie wie im traditionellen Schauspiel versuchen, einer literarischen Figur zu entsprechen. Eher probieren sie, ihre eigene Rolle zu spielen, die Rolle ihres Lebens. Und sie dabei spielend zu reflektieren.

Das gilt auch dort, wo es literarische Vorlagen bearbeitet, wie es etwa das Berliner Theater an der Parkaue mit Luc Tartars Stück „Feuer fangen“ tut, das ganz klassisch den Spalt der Freiheit auslotet, die der erste Kuss bedeutet, oder bei der Produktion des Komm’ma-Theaters aus Duisburg, die Herbert Melvilles Bartleby, die Ikone des ohnmächtigen Widerstandes, mit großer historischer Tiefe und brennender Aktualität ergründet.

In Vorleistung gegangen ist dafür das Theater Bremen, aber das ist auch eine gute Investition, denn den größten Gewinn des Bundestreffs hat natürlich der Veranstalter, das weiß man hier: Als es im Juni vor 14 Jahren erstmals hier stattfand, war das der Anstoß, selbst einen Jugendclub zu gründen, die Jungen Akteure. Heute ist die kleine, unterfinanzierte Untersparte des unterfinanzierten Moks längst das mit zahlreichen Festivaleinladungen und Preisen dekorierte Aushängeschild des Bremer Theaterbetriebs.

Das macht Theater von Jugendlichen so politisch bedeutsam – und künstlerisch aufregend für alle, die Kunst nicht mit handwerklicher Vollendung verwechseln. Denn in ihm bewahrt sich die darstellende Kunst oft einen sehr entschiedenen Zug zur Gegenwart, weshalb zum Programm auch intensive Nachgespräche und zu jeder Aufführung Diskussionsrunden gehören. Hier wird sie als Ausdrucksmedium ernst genommen, Ausdruck der AkteurInnen, die eben nicht nur, ja nicht einmal in erster Linie wie im traditionellen Schauspiel versuchen, einer literarischen Figur zu entsprechen. Eher probieren sie, ihre eigene Rolle zu spielen, die Rolle ihres Lebens. Und sie dabei spielend zu reflektieren.

Das gilt auch dort, wo es literarische Vorlagen bearbeitet, wie es etwa das Berliner Theater an der Parkaue mit Luc Tartars Stück „Feuer fangen“ tut, das ganz klassisch den Spalt der Freiheit auslotet, die der erste Kuss bedeutet, oder bei der Produktion des Komm’ma-Theaters aus Duisburg, die Herbert Melvilles Bartleby, die Ikone des ohnmächtigen Widerstandes, mit großer historischer Tiefe und brennender Aktualität ergründet.

In Vorleistung gegangen ist dafür das Theater Bremen, aber das ist auch eine gute Investition, denn den größten Gewinn des Bundestreffs hat natürlich der Veranstalter, das weiß man hier: Als es im Juni vor 14 Jahren erstmals hier stattfand, war das der Anstoß, selbst einen Jugendclub zu gründen, die Jungen Akteure. Heute ist die kleine, unterfinanzierte Untersparte des unterfinanzierten Moks längst das mit zahlreichen Festivaleinladungen und Preisen dekorierte Aushängeschild des Bremer Theaterbetriebs.

Text: Benno Schirrmeister, veröffentlicht in der taz am 30.9.2017