Katharina Frohne, Weser Kurier, 27.12.2019
Wenn Anne Leira van Poppel auf der Theaterbühne steht, wird sie zu Chris, einem jungen Transmann. Für die 19-Jährige ist ihre Rolle eine Herausforderung. Sie sagt: „Chris zu spielen, hat mein Leben verändert.“
Noch vor einem Jahr wollte Anne Leira van Poppel Tanz studieren. Inzwischen ist sie sich da nicht mehr so sicher. Denn dann kam das Stück
Noch vor einem Jahr wollte Anne Leira van Poppel Tanz studieren. Inzwischen ist sie sich da nicht mehr so sicher. Denn dann kam das Stück „Boy“. (Christina Kuhaupt)
Das Stück ist erst wenige Minuten alt, da will Anne Leira van Poppel am liebsten hinschmeißen. Mit ihren Kollegen von den Jungen Akteuren des Theaters Bremen steht sie in „Boy“ auf der Bühne. Das Stück basiert auf dem Film „Boys Don’t Cry“, der die wahre Geschichte des jungen Brandon Teena erzählt. Teena wird 1972 in Lincoln, Nebraska, geboren. Als Mädchen, zumindest äußerlich. Innerlich ist Teena ein Junge, er hasst seinen weiblichen Körper, seine weibliche Stimme, seine zarten Züge. 1993, Teena ist gerade 21 geworden, wird er vergewaltigt, wenig später erschossen. Die Täter sind seine Freunde, denen gegenüber er sich als Mann ausgegeben hatte. Später werden sie vor Gericht sagen, sie hätten sich von Teena hintergangen und verarscht gefühlt. Den Mord bezeichnen sie als „Denkzettel“.
Harter Stoff also, den die junge Theatersparte sich da vorgenommen hat. In ihrer Version heißt Brandon Teena Chris, gespielt wird er von van Poppel. Die ist selbst erst 19, als sie das Stück vor mehreren Schulklassen aufführt. Die Schülerinnen und Schüler sind nur zwei Jahre jünger als sie, mehr als 100 drängen sich im Brauhaus, der kleinsten Bühne des Hauses. Als Chris trägt van Poppel weite Jeans, Lederstiefel, Bomberjacke. Sie steht breitbeinig, lässt die Schultern hängen, ihr Haar trägt sie sowieso kurz. Das passte.
Als Chris verliebt van Poppel sich; in Lana, ein Mädchen aus Chris‘ neuer Clique. Es gibt eine Szene, in der kommen sich Lana und Chris näher, in der schauen sie einander tief in die Augen, viele spannungsgeladene Theatersekunden lang. Dann küssen sie sich; ein kurzer, schöner, rührender Kuss.
Die Schülerinnen und Schüler sahen das anders. „Beim Kuss haben sie ‚iiiih!‘ gerufen, sagt van Poppel. Gestört hatten sie schon vorher, „eigentlich ununterbrochen“; sie hatten gelacht, geflüstert, Kommentare gezischt. „Gay!“ oder „Schwuchtel!“, solche Sachen. Van Poppel sagt: „Das war der schlimmste Moment, den ich bislang auf der Bühne erlebt habe.“
Sie erzählt das alles an einem Bremer Dezembertag, der sich nicht so richtig entscheiden kann zwischen Herbst und Winter. Milde acht Grad, Nieselregen, graue Wolkensuppe. Für das Treffen hat sie das Café „Noon“ im Theater vorgeschlagen. Sie ist oft hier, sie jobbt an der Bar, außerdem ist sie fast jeden Tag für Proben im Haus.
Van Poppel ist gebürtige Bremerin. Das Theater am Goetheplatz kennt sie, seit sie denken kann. Ihre Eltern, eine Spanierin und ein Holländer, arbeiteten lange als Tänzer im Haus, inzwischen sind sie Choreografen. Auch van Poppel tanzt, seit sie klein ist: Modern und Contemporary Dance. „Noch vor einem Jahr hätte ich gedacht, dass ich Tanz studiere“, sagt sie. Jetzt sei sie da nicht mehr so sicher. Denn dann kam „Boy“. Und Chris. Den spielt sie seit einem Dreivierteljahr. Es ist ihre erste richtige Rolle; vorher, erzählt sie, habe sie nur für Schultheaterstücke auf der Bühne gestanden.
Wer sie in „Boy“ sieht, kann das kaum glauben. Van Poppel spielt Chris mit großem Einfühlungsvermögen; zurückhaltend, verletzlich, sanft, wahnsinnig präsent. Sie spielt einen jungen Mann, der keinerlei Angriffsfläche bieten will. Und der trotzdem Lust aufs Leben hat. Auf Freiheit und Glück und endlich ein bisschen Unbeschwertheit.
Viele von Chris‘ Seiten seien ihr selbst vertraut, sagt van Poppel. Auch sie neige zu Unsicherheit, stehe eigentlich nicht gern im Mittelpunkt. Aber auf der Bühne. Warum? „Weil es unglaublich ist, was da zwischen uns und dem Publikum passiert.“ Theater ist für sie Nähe, Unmittelbarkeit, ein extrem intensives Erlebnis. Sie sagt: „Für mich fühlt es sich an, als würde ich dem Publikum etwas schenken, eine Geschichte – und das Publikum beschenkt mich mit Zeit und Aufmerksamkeit.“ Trotzdem koste sie jeder Auftritt Überwindung. Auch, weil sie so selbstkritisch sei. Mit der Rolle des Chris zum Beispiel habe sie lange gehadert – „weil ich mir nicht anmaße, zu wissen, wie er sich fühlt“.
„Boy“ zu zeigen, hält sie trotzdem für „mega wichtig“. Das sei ihr zuletzt bei der Begegnung mit der Bremer Schulklasse aufgefallen. Im Anschluss an das Stück habe es ein Gespräch zwischen Ensemble und Publikum gegeben. „Da hat Jannes (Weber, einer der anderen Darsteller; Anm. d. Red.) gesagt, dass er das total respektlos fand.“ Danach habe sich ein sehr offenes, konstruktives Gespräch ergeben. Die Schüler hätten sich entschuldigt, hätten auf einmal verstanden, dass da echte Menschen auf der Bühne stehen. Dass auch die Personen, von denen „Boy“ erzählt, echt sind. Dass ihre Probleme echt sind, ihre Ängste, ihre Sorgen. Die Aufführung sei deshalb einerseits die schlimmste gewesen, sagt van Poppel – „gleichzeitig aber auch die Beste“. Denn genau das, sagt sie, sei die Kraft des Theaters: „dass die Menschen vielleicht ein bisschen anders gehen, als sie gekommen sind“.
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