Wissenswertes

In den letzten 20 Jahren hat sich aus kinderärztlicher Sicht das Spektrum kindlicher Erkrankungen deutlich verändert. Dank vielfältiger Vorsorgemaßnahmen, Impfungen und moderner Medikamente sind die schwerwiegenden körperlichen Krankheiten merklich zurückgegangen. Autoimmunkrankheiten und Allergien haben dagegen zugenommen.

Ohne angemessene Beachtung in der Öffentlichkeit haben aber vor allem psychische, sensorische und soziale Probleme, frühkindliche Entwicklungsstörungen, Beeinträchtigungen durch innerfamiliäre, schulische und soziale Spannungen sowie inadäquaten, zunehmenden Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen drastisch zugenommen.

Im Vorschulalter bekommen heute (statt früher etwa 1%) 10 bis 20% aller Kinder Ergotherapie wegen defizitärer sensorischer, motorischer und psychischer Entwicklung. Ca. 5 bis 10% benötigen heute Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie wegen zum Teil gravierender Störungen der Sprachentwicklung.

In der Schulzeit bestehen viele dieser Störungen fort. Doch in der Regel wird für die Kinder in diesem Alter therapeutisch nicht mehr viel getan. Immer mehr Kinder verbringen den überwiegenden Teil des Tages in der Schule oder im Hort, und den Rest des Tages vor irgendeinem Bildschirm (TV, PC, Spielkonsolen, Smartphones).

Den Schulkindern und Jugendlichen muss in unserer Zeit dringend geholfen werden, wieder mehr Freiräume zu finden, in denen sie sich unabhängig von jeglichem Psychodruck kreativ, aktiv und gemeinsam mit anderen Kindern entfalten können.

Dies kann durch sportliche und kulturelle Aktivitäten geschehen. Das Theater hat den großen Vorteil, dass es hier nicht auf spezielle Fähigkeiten ankommt. Lernbehinderte, durchschnittlich begabte und sehr talentierte Kinder können im Theaterspiel gleichrangig beteiligt sein und es braucht keine finanziellen Ressourcen, ist also einkommensunabhängig.

Theaterpädagogik vermittelt den Kindern im gemeinsamen aktiven Tun Wahrnehmung der eigenen Körperlichkeit, Ausleben seelischer Kapazitäten, Verfeinerung der sinnlichen Wahrnehmung für sich und den Mitspieler. Sie schult die individuellen Möglichkeiten, Körpersprache, stimmliche Sprache, Atmung und Bewegung bewusst und kontrolliert einzusetzen. Theaterspiel erlaubt Kindern, das ureigene Spielbedürfnis, das wir Menschen alle lebenslang in uns haben, in aktives Handeln umzusetzen.

Kinder lernen im Theaterspiel mehr als irgendwo anders, teamfähig zu sein, weil Theater ohne Teamfähigkeit nicht funktioniert. Der wichtigste Aspekt in erfolgreicher Theaterpädagogik aber ist die so wichtige Förderung des Selbstwertgefühls von Kindern, die Theater in eigenem Tun erlebt haben. Und noch besser: regelmäßig erleben. Auch in Stadtteilen, in denen kulturelle Aktivitäten nicht an erster Stelle stehen.

Der Berufsverband Kinder- und Jugendärzte Bremen unterstützt ausdrücklich die Initiative kulturschaffender Künstler, Tanz-, Theater- und Musikprojekte mit Kindern in Schulen und im öffentlichen Raum zu produzieren und professionell zu begleiten.

Dr. Stefan Trapp, Dr. Hendrik Crasemann
Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V.
www.bvkj.de